Patchworkfamilie von susan42

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susan42
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Patchworkfamilie von susan42

Beitrag von susan42 » So 28. Mai 2006, 02:53

Hallo Thomas,

Ich stöbere seit Jahren im Netz herum, um irgentwo was Passendes für meine liebe Familie zu finden. ich habe nie etwas Passendes gefunden und hätte es lange Zeit bitter nötig gehabt, adäquate Ansprechpartner zu finden.

Ich freue mich sehr, dass es Sie gibt !!!

Ich hoffe, über die angebotene Gruppe "Gleichgesinnte "
" ähnlich Mutige "
" Leidensgenossen "
" an das älltägliche Chaos
" Stiefmütter "
" Stiefväter "
zu finden , um endlich !!!!! irgentwie verstanden zu werden.
Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Kinder vieleicht ganz cool abwinken werden, wenn es darum geht auch noch andere Patchworksisters,- and brothers kennzulernen. In Wahrheit brennen sie darauf!! Sie leiden unter ihrem Anderssein und fühlen sich manchmal wie Wesen von einem anderen Familienstern.

Ich bin die Mutter vom anderen Mutterstern.
Das charakteristische an diesem speziellen Mutterstern ist, dass dieser Stern extrem schmal ist und sehr langgezogen. Also , dieser Stern ist strenggenommen eher ein Drahtseil als ein Planet.
Man versucht immer, auf den normalen Mutterstern aufgenommen zu werden, und die Kinder sollen natürlich alle mit auf den Stern. Ich meine mit alle Kinder "deine ,meine und unsere "Kinder.
Aber das geht nicht .
Viele andere Mütter rümpfen mit der Nase und "seine " Kinder fühlen sich dort fehl am Platze. Sie sagen zwar nichts ,aber irgentwie fühle ich dass sie dort unruhig von einem Fuss auf den anderen gehen und sich irgentwie unbehaglich fühlen.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als "Sternehopping "zu betreiben.
Drei Minuten Mutterstern, drei Minuten der andere Mutterstern, drei Minuten hier, drei Minuten dort, drei Minuten Drahtseilakt, dann wieder drei Minuten normaler Sternaufenthalt.
Nie hat man alle seine Kinder beisammen. Nie kann man sich entspannt auf einem Stern niederlassen und in Ruhe ein Buch lesen, weil man ja alle Kinder in der Nähe und im Ohr hätte.
Irgentwann gewöhnt man sich an das hin und her.
Irgentwann lernt man es, auf dem Drahtseil zu laufen. Man hat ja auch keine andere Wahl. Entweder man lernt es oder man fällt runter.

Ich habe 1995 mit meinem heutigen Mann eine Patchworkfamilie gegründet. mein Mann war seit 2 Jahren alleinerziehend mit drei Kindern (5,9,11 Jahre)
Der Kontakt zur Mutter war seit einem Jahr abgebrochen. Die Mutter meldete sich 2 mal im Jahr telefonisch oder auch garnicht , hinterlegte aber selten eine Telefonnummer.Eine Adresse hatten wir auch nicht.Die Kinder waren mit ihrer Trauer alleine. Mein Mann war stinksauer auf seine Ex.
Die Kinder fühlten sich total im Stich gelassen, vermissten die Mutter sehr.
Sie taten aber so als wenn sie es nicht täten.
Warum die Mutter das so gemacht hat ,verstehe ich heute noch nicht. Ich kenne sie garnicht, habe sie nur einmal kurz gesehen.

Ich war damals seit etwa einem Jahr alleine mit meinem Sohn , 2 Jahre alt. Der Vater besucht ihn häufig.

Mein Mann und ich waren uns sehr schnell einig, zusamenzubleiben.Mir war zwar angst und bang , ob ich das alles schaffen würde, aber mein Mann meinte,dass er mir viel helfen würde nach Feierabend.
Ich war noch im Erziehungsurlaub und versuchte wieder beruflich, Fuss zu fassen.Kaum dass ich meine neue Stelle angetreten hatte und einen Hortplatz für die beiden Jüngsten hatte, meldete sich 1996 überraschend Nachwuchs an.
Ich war im Schock. Ich fühlte mich unseren vier Kindern immer noch nicht gewachsen, ich so total unerfahren in meiner Mutterrolle, die alle meine neuen Familienmitglieder von mir erwarteten, die ich aber nie zu sehr ausfüllen durfte. Ich hatte mich noch nicht eingefunden.
Aber eine Abtreibung kam für mich garnicht in Frage.Ich konnte mir das noch weniger vorstellen.
knapp 18 Monate später wurde unsere gemeinsame Tochter geboren, sie war schwer behindert zur Welt gekommen.Sie hatte eine Chromosomenanomalie, DI George Syndrom. Sie starb im Alter von 4 Monaten.Es war eine Katastrophe.

Der Vater meine Sohnes zog nach Süddeutschland , telefonierte noch ein paarmal. Auch er brach den Kontakt ab. Ich hatte zwar immer gewusst ,dass er keine Verantwortung tragen kann. das war auch einer der trennungsgründe gewesen. Aber dass es so hart kommen würde, schockte mich dann doch.Mein Sohn liess sich kaum etwas anmerken. Ich konnte damals noch nicht einschätzen ,wie sehr ihn das belastet hat.

Zurück blieb eine Familie in Trauer.
Wir hatten alle einen wichtigsten Menschen verloren.

Ich hüpfte dan ganzen Tag von einem traurigen zum anderen Traurigen und hätte doch selbst jemanden zum Trösten gebraucht.
ich hatte den kontakt zu Bekannten in den letzten zwei Jahren einschlafen lassen ,weil ich nicht mehr die Zeit für sie hatte .Meine Zeit ging für meine Familie und meine neue Partnerschaft weg.

Ich war mit meiner Trauer alleine, ich war innerlich gestorben, wunderte mich manchmal dass mein herz noch schlägt.Manchmal dachte ich dass ich das alles nur träume, aber es war tatsächlich mein Leben.
Ich fand das Leben zum Kotzen !!!
Ich besorgte mir eine Therapeutin, die mich sanft festhielt.

Irgentwie ging das Leben einfach weiter, das Leben fragte mich nicht ob ich noch Lust dazu habe, es ging einfach weiter, einfach so.
Unsere anderen Kinder lebten !
Sie lachten einfach, so wie Kinder eben lachen, einfach so ,sie fragten mich nicht ob ich noch Lust dazu habe, sie lachten einfach, einfach so !

Und ich ? Irgentwie lebte ich einfach weiter und irgentwie lachte ich einfach wieder, einfach so !

Ich lebte und lachte für unsere Kinder, nicht für mich. Ich hatte keine Lust mehr. Ich wollte das Leben beim lieben Gott wieder abgeben, ich fand ich hatte ein Recht auf Reklamation. ich wollte mein Leben wieder zurückgeben. Und ich wollte ein Neues ! Ein Heiles ein Schönes !
Mir war klar dass er das nicht tun würde.
Aber trotzdem war ich stinksauer !!!! Ich bin jeden Tag auf den Friedhof gegangen, bin vor dem Kreuz stehengeblieben und habe fürchterlich mit ihm geschimpft . Ich habe ihm meine ganze Wut vor die Füsse geworfen.
Ich habe lange mit ihm geschimpft, und egal wie oft ich das tat,er war mir nie böse.das hat mich versöhnlich gestimmt.
Ich hatte immer das Gefühl ,dass ich das mit ihm machen darf !
Er hat es mir erlaubt, mal den ganzen Mist rauszulassen und ihn für alles verantwortlich zu machen.

Mit meinem Mann konnte ich nicht über unsere Tochter sprechen,er erstickte seine Trauer in Ablenkung und Arbeit.

Die Kinder machten mir Mut. Sie liessen es einfach weitergehen.
Ich musste einfach nur mitmachen.Ich war dankbar ,sie alle zu haben.Ich entdeckte ,dass das Schicksal sie mir ja auch hätte nehmen können.Ich fühlte so etwas wie tiefe Demut. Demut vor dem Geschenk dieser Kinder.Irgentwann schimpfte ich nicht mehr wenn ich zum Friedhof ging, irgentwann fing ich an,meinen Gott zu bitten meine anderen vier Kinder zu beschützen. Irgentwann fing ich an ,nicht mehr das zu sehen was mir das Leben genommen hatte ,sondern das zu erkennen , was mir dieses Leben geschenkt hatte !Drei meiner Kinder waren mir fix und fertig in den Schoss gefallen ! Und die schönste Zeit des Tages ist die ,wenn mittags wieder alle heil und gesund an meinem Tisch sitzen.
Ich fand meinen Lebensmut wieder.

Zwei Jahre später haben wir noch ein Baby bekommen.
kerngesund und quietschvergnügt !!!
Ich war unendlich dankbar!
Ich hatte den Glauben an Gerechtigkeit wieder neu gewonnen.
Auch den Kindern gab das wieder neuen Mut !
Endlich zerbrach nicht mehr nur die Familie, plötzlich wuchs unsere Familie
Unsere Kinder waren inzwischen 16,14,10 und 6 und 0Jahre alt
Aber körperlich und seelisch haben diese Jahre sehr an mir gezehrt.
denn nichts destotrotz ist das Leben mit einer Patchworkfamilie immer wieder neues Verhandeln, immer wieder neue Schwierigkeiten.
Die Tatsache ,dass wir alle harte Zeiten hinter uns hatten ,machte das nicht einfacher.

Ich habe das Hoping von einem zum anderen Mutterstern nie gemocht.
Ich wollte alle Kinder als meine Kinder ansehen.
Aber das geht nicht. Man kommt nicht über eine bestimmte Grenze hinaus
Das können die Kinder nicht zulassen ,ohne Soldaritätsprobleme mit der richtigen Mutter zu kriegen. Aber auf der anderen Seite fehlt es ihnen total dieses Gefühl völlig und ganz und gar ,ohne wenn und aber geliebt zu werden ,egal wie blöd sie sich auch mal aufführen.
Und genau da liegen auch meine Probleme. Wenn sie sich dann mal bescheuert benehmen, dann reicht mein Verständnis und meine Annahmefähigkeit zwar sehr weit , aber ich spüre ,dass es nicht weit genug ist um wahrhaft Mutter zu sein.
Ich mahne dann nicht mit einem Mutterblick, sondern mit einem verärgerten Freundesblick. Und das spüren Kinder instinktiv.
umgekehrt ist es genauso. Wenn ich mich bescheuert benehme, kritisieren sich mich anders als leibliche Kinder . Eben irgentwie anders ,
Man kommt einfach nicht an dieses ganz tiefe Gefühl heran.

Die Lücke , die die Mutter hinterlässt ,kann nichts und niemand schliessen,egal wie sehr man es versucht und ich habe es wirklich sehr versucht.
Die Lücke, die Vater hinterlässt ,scheint weiger gross zu sein auf den ersten Blick. aber das ist ein Trugschluss. Auch diese Lücke bleibt.

Und diese Lücken sind ganz erheblich !!

Heute versuche ich nicht mehr, jemanden zu ersetzen . das habe ich aufgegeben. Es ist nicht machbar !!

Unsere Kinder leben heute eben mit Vater und Zweitmutter oder mit Mutter und Zweitvater. Diesen Ausdruck mag ich lieber als Stiefmutter. den finde ich wirklich ganz schlimm. Stiefmutter ist ein Synonym für den Verdacht ,Kinder zu benachteiligen.

Inzwischen sind unsere Kinder 23,21,17,13 und 7 Jahre alt. Die Tochter ist inzwischen ausgezogen.
Wir sind eine Familie und doch sind wir es irgentwie nicht . Irgentwie fehlt da was .
Ich finde das schade, aber ändern kann man das nicht.

Ich freue mich auf Antwort.
machen Sie mal kräftig Werbung für diese Anlaufstelle für Patchworkfamilien. Denn( meiner Erfahrung nach )die normalen Berater in den Erziehungsberatungsstellen können das schwer nachfühlen ,was die Mitglieder einer PF fühlen. Und die wünschen sich glaube ich endlich mal
Verständnis.

susan42
der Wunsch, gelassener zu leben,

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Thomas Gerling-Nörenberg
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Antwort an Susan

Beitrag von Thomas Gerling-Nörenberg » So 28. Mai 2006, 11:02

Hallo Susan,

ich bin noch stark beeindruckt von Ihrer offenen und bewegenden Schilderung Ihres Patchworkfamilien-Lebensweges. Nachvollziehbar haben Sie Ihre Familie durch "Höhen" und besonders auch durch "Tiefen" geführt.

Am Beginn, der, so will ich ihn mal nennen "Geburt" der Patchworkfamilie, weiss keiner der Beteiligten, und da mein ich die "4" Eltern und alle Kinder, was auf die gesamte Familie zukommt, bzw. wie sich alle entwickeln. Wüsste man dies.... wer weiss... (ist auch gut, dies im Voraus nicht zu wissen, sonst könnte dies Experiment nicht gelingen). Denn, das ist meine Überzeugung, die Kräfte wachsen mit den Aufgaben und Forderungen zu den Kindern hin, wie auch auf der Eltern-, bzw. Erwachsenen Ebene. -

Sie haben es ja in der Rückschau gut hinbekommen obwohl Sie auch die stark belastenden Situationen eindrucksvoll beschrieben haben. Ich glaube dazu gehört die innere Einstellung, dass trotz des enormen Stresses und der beträchtlichen Verantwortung, ein unerschütterliches Vertrauen da ist, "es lohnt sich für meine Familie" - "ich schaffe es schon irgendwie". Dabei haben Sie sich ja auch gute Unterstützung geholt. In solchen Situationen ist beraterische und therapeutische Unterstützung sehr hilfreich. - Es gibt dann Tage, da lebt man einfach so... und fragt im nachhinein, "wie hast Du das überlebt". Dann gibt es auch wieder Tage, da läuft es gut...
Auf meinem Patchworkfamilienweg, der auch von Höhen und Tiefen gekennzeichnet ist, verstehe ich die Prozesse erst in der Rückschau, erst dann werden mache Situationen für mich verständlich.

Mit Trauer, über die Sie schreiben, geht jeder Mensch verschieden um. Bei Kindern hilft es, dass Sie vom Erwachsenen das Gefühl bekommen, mit IHRER Trauer nicht allein zu sein und die Möglichkeit, über all die Gefühle sprechen zu können. Verständnis ist das A und O. Damit können die Kinder und Jugendliche für sich entscheiden, ob sie das Angebot annehmen. Das kann für sie erleichernd sein.

Nun noch zu dem Patchworkfamilien-Thema: Eltern, Lebenspartner, Stiefeltern... In einem Seminar mit Patchworkfamilieneltern sagte ein Vater, das der Sohn seiner Partnerin ihn "Vizevater" nannte. - Das finde ich einen guten, passenden Begriff für den häufig persönlich präsenten "Stellvertreter" des aussenlebenden Elternteiles. Aber auch Ihren Begriff "Zweitvater" finde ich passend. - Das sollte jede(r) für sich entscheiden oder auch die Kinder...
Sie schildern auch den Beziehungs-Unterschied zwischen leiblichen Elternteil und Vize-Eltern. Das wichtige daran finde ich, ihn bewusst wahrzunehmen und zu akzeptieren und nicht dem "anderen" nachzutrauern. Vielleicht können Sie mit den Kindern, wenn sie erwachsen sind, darüber sprechen und sich austauschen. Die "Bindung" an sich stellen die Kinder her. Je jünger, desto intensiver meistens. Sie können als Erwachsene nur gute Voraussetzungen dafür schaffen...

Ihnen wünsche ich, immer weniger "Sternehopping betreiben zu müssen", als vielmehr in einer Patchworkfamilie zu leben, die verständnisvoll miteinander umgeht. Ich glaube, da sind sie auf einem wundervollen Weg!

Susan, herzlichen Dank für Ihren wertvollen Beitrag, der vielleicht auch anderen Patchworkeltern oder auch -Kindern Mut macht, sich auszutauschen oder mit Ihren Worten zu sprechen "endlich mal Verständnis zu finden".

Frohen Gruß
Thomas Gerling-Nörenberg

Mamili
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Registriert: Fr 23. Sep 2011, 15:01

Re: Patchworkfamilie von susan42

Beitrag von Mamili » Di 27. Sep 2011, 07:13

hallo susan ,
ich hab grad deinen beitrag mit grossem interesse gelesen und sag hut ab :D
bin erst seit kurzem in diesem familienzweig und versuche hier einiges für mich herrauszuholen.
das leben in patchwork ist sehr aufregend und anstrengend-vorallem für uns mütter :D
vielleicht hör ich von dir

lg mamili

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